Die gescheiterte Inklusion

Die gescheiterte Inklusion

Die Einführung des inklusiven Schulsystems basiert auf der UN Behindertenrechtskonvention. Diese soll Menschen mit Behinderungen helfen am Leben der Gesellschaft gleichberechtigt teilzuhaben und Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken.

Derzeit führt die Inklusion paradoxerweise eher zu Benachteiligungen der Betroffenen und kann so nicht im Sinne der UN Konvention sein. Dieses wurde uns am 02.06.2016, nach einem Gespräch mit unserem ehemaligen Schuldezernenten, der nun im Kultusministerium tätig ist, bestätigt. Gegenstand des am 02.06.2016 stattgefundenen Gesprächs, war die allgemeine Unterrichtsversorgung, sowie die Versorgung mit Förderstunden für inklusiv beschulte Kinder mit ausgewiesenen Unterstützungsbedarfen. In dem für Niedersachsen gültigen Erlass „Klassenbildung und Lehrerstundenzuweisung an den allgemein bildenden Schulen“ sind für Kinder mit festgestelltem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung, die an allgemein bildenden Schulen (nicht an Förderschulen) beschult werden, folgende Stunden als Zusatzbedarf vorgesehen:

Förderschwerpunkt Stunden
Geistige Entwicklung 5,0
Lernen und Sprache bis 4. Schuljahrgang 2,0 (sonderpädagogische Grundversorgung)
Lernen ab 5. Schuljahrgang 3,0
Sprache ab 5. Schuljahrgang 3,0
Emotionale Entwicklung, Hören, Sehen bis

4. Schuljahrgang

3,0
Emotionale Entwicklung, Hören, Sehen ab

5. Schuljahrgang

3,5
Körperliche und motorische Entwicklung bis 4. Schuljahrgang 3,0
Körperliche und motorische Entwicklung ab 5. Schuljahrgang 4,0

Die weiterführenden Schulen, die Kinder mit ausgewiesenem Unterstützungsbedarf aufnehmen und nicht über eine sonderpädagogische Lehrkraft verfügen können, bekommen die entsprechende Anzahl an Lehrerstunden zugewiesen.

Die Unterrichtsversorgung – am Stichtag 15.09.2015 der weiterführenden Schulen in Celle – stellt sich wie folgt dar:

Schule Unterrichtsversorgung Inklusive Schüler
Oberschule I Celle (Heese) 87,47% 84
Oberschule II Celle (Burgstrasse) 95,66 % 18
Oberschule III Celle (Westercelle) 94,7 % 55
Gesamtschule IGS Burgstrasse 99,1 % 9
Gymnasium Ernestinum 103,75% 5
Hermann-Billung-Gymnasium 95,9 % 4
Hölty Gymnasium 98,25 % 3
Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium 101,15 % 3

Da Erkrankungen und Abordnungen von Lehrkräften in dieser Statistik nicht mit ausgewiesen werden können, sind diese Zahlen letztendlich Schönwetterzahlen ohne Aussagekraft! Alarmierend ist die schlechte Unterrichtsversorgung an den Oberschulen, die weiterhin die meisten Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf beschulen. Schulen, die diese Kinder aufnehmen, dürfen die dafür laut o. g. Erlass zusätzlich zugewiesenen Lehrerstunden nur dann erteilen, wenn die Unterrichtsversorgung der Pflichtstunden zu 100 % gewährleistet ist. Bei dem momentanen Lehrkräftemangel in Niedersachsen findet somit keine Förderung an den Regelschulen statt.

Nach Einschätzung unseres ehemaligen Schuldezernenten wird die durchschnittliche Unterrichtsversorgung im Raum Celle in diesem Schuljahr unter 95 % sinken. Unter diesen Aspekten müssen die derzeitigen Pläne zur Inklusion sofort ausgesetzt werden, bis die großen Defizite wie der Lehrkräftemangel beseitigt sind. Ansonsten sehen wir das Recht auf Bildung unserer Kinder, egal ob mit oder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gefährdet.

Den Förderschulen Lernen sollte nach regionalen Erfordernissen einen vorläufigen Bestandsschutz zuerkannt werden. So würde man der Weiterbildung der Konzepte mehr Zeit geben und das Vertrauen der Eltern und Lehrkräfte gewinnen. Denn auch die Ausbildung der benötigten Fachkräfte braucht vor allem eins: mehr Zeit! Das langfristige Ziel Inklusion sollte aber erhalten bleiben. Laut NDR Info wurden bislang 38 Förderschulen Lernen – von ca. 188 Förderschulen Lernen vor der Einführung der Inklusion – geschlossen. Der Primarbereich der Förderschulen Lernen läuft aber nach diesem Schuljahr aus. Um also noch vorhandene Strukturen nutzen zu können, besteht schneller Handlungsbedarf!

Die „Niedersächsische Direktorenvereinigung (NDV)“ fordert in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 06.08.2016, den Streit um die Schulstrukturen in Niedersachsen für mindestens zehn Jahre ruhen zu lassen. Schon immer wurden in der Bildungspolitik – unabhängig vom Parteiprogramm der unterschiedlichen Regierungsparteien – häufig abrupt große Teile alter Strukturen im Bildungswesen umgeworfen und durch neue ersetzt. Die Bildungseinrichtungen haben aus diesem Grund zu wenig Zeit für notwendige interne Schulentwicklungsprozesse. Fakt ist, dass jede Partei, die bisher Regierungsverantwortung übernommen hat, versucht hat möglichst viele ihrer eigenen bildungspolitischen Ziele umzusetzen – oft leider ohne Rücksicht darauf, ob diese Ziele auch realistisch umsetzbar sind. Aus diesem Grund appellieren wir an alle Parteien des niedersächsischen Landtags, endlich gemeinsam und parteiübergreifend eine langfristige Problemlösung zu erarbeiten – nur so kann eine Verbesserung der Schulrealität für Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, deren Eltern und Lehrern erreicht werden.

Wathlingen, 23.August 2016

Verfasser: Arbeitskreis Inklusion des Stadt- und Kreiselternrat Celle Anika von Bose, Mark Ehrhardt, Kathrin Langel und Monika Marks

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